Der Rubel ist vor einigen Tagen abgestürzt. Grund ist die hohe Inflationsrate, welche wiederum mit einem radikalen Fachkräftemangel zusammenhängt.
Russland ist gerade so ein unglaublich spannendes Laborexperiment.
Was passiert mit einem Land, wenn man ihm einen Fachkräftemangel auf Adrenalin verpasst?
Seit der Invasion der Ukraine wurden Millionen von Russen in den Kriegsdienst eingezogen bzw. haben sich freiwillig für ihn gemeldet, wahlweise im Kampfeinsatz oder in helfenden Funktionen.
Dazu kommt knapp eine Million Russen, die aus dem Land geflohen ist.
Was ist das Ergebnis?
Es fehlt dem Land extrem an Arbeitskräften.
Dazu kommt, dass die russische Regierung der Wirtschaft praktisch noch Steroide verpasst hat. Sie pumpt gigantische Summen in die Kriegswirtschaft.
Rüstungsfirmen und ihre Zulieferer zahlen derzeit so absurde Gehälter, dass sie Arbeitskräfte aus dem zivilen Sektor wegsaugen. Und die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage explodiert regelrecht.
Extrem hohe Nachfrage bei extrem niedrigem Arbeitsangebot? Kein Wunder, dass die Arbeitslosigkeit gerade bei 2,4% liegt. Das ist so niedrig, das gab es noch nie seit dem Ende der Sowjetunion (und vermutlich auch davor nicht wirklich). Das ist so niedrig, dass eigentlich nur noch “hoffnungslose” Arbeitslose und natürliche Fluktuation verbleiben.
Die russische Wirtschaft produziert komplett am Anschlag.
Und falls das nicht schon klar war: Das ist keine gute Sache. Komplett am Kapazitätslimit zu produzieren packt eine Wirtschaft meist nicht lange, bis sie völlig überhitzt ist.
Das sehen wir auch in Russland an der hohen Inflation. Ganz offiziell beträgt die seit Monaten 8 bis 9 Prozent, aber gegenüber einer hohen Basis. Viele Analysten befürchten noch mehr Inflation.
Auch wegen dieser Befürchtung ist jetzt der Rubel eingebrochen. Das gefällt der Zentralbank gar nicht, die sofort interveniert hat: Keine Devisenkäufe mehr, um den Rubel zu schonen. Aber ohne Devisen werden natürlich Importe schwieriger… Probleme über Probleme.
Wie könnte sich Russland den ganzen Ärger sparen? Wenn es komischerweise keinen Fachkräftemangel hätte.
Dann würde die Wirtschaft nicht am Kapazitätslimit operieren. Der Arbeitsmarkt wäre ein wenig lockerer, weswegen Gehälter und Preise nicht so schnell steigen würden. Die Inflation wäre flacher und der Rubel stärker. Ach, und die Zivilwirtschaft müsste sich nicht vom Rüstungssektor aussaugen lassen, da ja genug Arbeitskräfte für alle da wären. Et voila.
Die Lektionen für uns in Deutschland sind ganz ähnlich, nur zum Glück weniger krass. Wir erleben keinen Krieg und keine millionenschwere Fluchtbewegung; keine Überhitzung (im Gegenteil!) und keinen zivil-militärischen Verteilungskonflikt um Ressourcen.
Aber auch ein etwas sanfterer Fachkräftemangel richtet richtig ordentlichen Schaden an, vor allem, wenn man ihn über Jahre und Jahrzehnte gewähren lässt. Bei uns geht es nicht um eine radikale Überhitzung bis zum plötzlichen Crash; bei uns geht es um ein allmähliches Ausbluten, bis unser Wohlstand dahingeschmolzen ist.
Also, wie wär’s: Wollen wir etwas gegen den Fachkräftemangel unternehmen?